Nein sagen und Grenzen setzen

Missverständnisse

Vermutlich sind uns fast allen jene Aufforderungen, Ratschläge, Postings oder Bildchen mit der deutlichen Botschaft, man soll anfangen für sich einzustehen, „Nein!“ sei ein vollständiger Satz und man muss seine Grenzen nicht begründen, etc., begegnet (nicht nur im kleinen Kreise oder im Umfeld begegnet es einem, wir sehen es auch im globalen Umfang). Eine wichtige Thematik, nur wie sieht es mit der Umsetzung und der eigenen Botschaft dahinter aus?

Wenn die eigenen Grenzen erkannt werden (und für manche konfliktscheuen und harmoniebedürftigen Menschen eine kleine Herausforderung), ist der nächste Schritt diese auch zu äußern. Es gibt bspw. die personifizierten Haudegen, die ihre Grenzen klar benennen und das oft mit einem unfreundlichen fordernden Ton und dem nachdrücklichen vollständigen Satz „Nein!!!!“ herausschleudern. 'Baammmm!! Musste mit leben, ich bin so wie ich bin und das muss so akzeptiert werden!' Also keine Erklärung. Dann gibt es diejenigen, die noch am Anfang stehen und sich gerade leise trauen, sich ihr Nein einzugestehen, sich aber dafür oft schuldig fühlen oder dann evtl. sogar doch wieder nachgeben, nachdem die Erklärungen zu Rechtfertigungen wurden, letzten Endes zum Wohle des Anderen aber dann als doch nicht so wichtig gesehen werden. Ich habe hier exemplarisch zwei Richtungen genommen, die Harsche und die Vorsichtige.

Die harsche Art seine Grenzen zu äußern verursacht beim Gegenüber oft ein Gefühl von, 'ah okay, mit der Person kannst du nicht reden und dich auch nicht gemeinsam weiterentwickeln oder gemeinsame Lösungen finden', 'Derjenige/diejenige lebt in seiner/ihrer eigenen Welt, da kommen wir nicht zusammen, denn welche Grenze ist wichtiger, deine oder meine?' Und was ist so schlimm daran die Hintergründe des Neins zu hören, da an sich ein ernstes Interesse besteht den Anderen verstehen zu wollen und Erklärungen NICHT gleichzusetzen sind mit Rechtfertigungen. Was oft ein ganz großes Missverständnis ist. Wie soll man sein Gegenüber besser verstehen, mitfühlend sein, Barrieren ausräumend handeln, wenn man nicht weiß, warum der Mensch ist, wie er ist und was ihm gut tut?

Die vorsichtige Art erweckt beim Gegenüber oft den Eindruck à la 'ah, an dem Schräubchen kann ich noch zu meinen Gunsten drehen, dieser Mensch wirkt noch nicht ganz sicher mit seiner Meinung, wenn sie/er nicht weiß, was er wirklich will und sich noch rechtfertigt, dann muss ich es nicht so ernst nehmen'. Und schon geht der vorsichtige Mensch mehrere Schritte zurück und lässt sich mit dem nächsten Versuch Zeit seine Wünsche, Grenzen, Vorstellungen zu äußern. Mit einem Gefühl von 'ach, ist nicht so wichtig, es ist ja alles in Ordnung'. Aber wie soll dein Gegenüber merken, dass du deine alten Muster veränderst, zu dir und deinen Empfindungen stehst, wenn du sie nicht immer wieder äußerst und begründest (ohne Rechtfertigungen)?

Wichtig zu erkennen ist, dass ausnahmslos jeder Mensch mit seinen Empfindungen, Wahrnehmungen, Erfahrungen und seinem momentanen Seinszustand ernst zu nehmen ist. Wir verändern uns dauernd, jedes Erlebnis prägt uns und es ist eine spannende Reise. Von daher ist es innerhalb eines Miteinanders absolut wichtig, dass wir uns mitteilen, aber auf eine sanfte offene Weise (es ist hoffentlich klar, dass in bedrohlichen Situationen ein klares STOPP gesetzt werden MUSS!). Wenn wir ein Nein oder eine Grenze nicht erklären, läuft mein Gegenüber die Gefahr wieder in ein 'Fettnäpfchen' oder einen wunden Punkt zu treten, der vermeidbar gewesen wäre. Und da hilft es nicht (das höre ich öfter von Klienten oder im Umfeld) zu sagen, 'Ich kann ja wohl erwarten, dass er/sie das so und so macht und auf mich eingeht und das oder jenes weiß!!!'. Nein, das reicht nicht, denn keine Situation ist komplett gleich, dafür gibt es in Situationen zu viele Parameter, die unterschiedlich sind, die Wahrnehmung oder Emotionswelt war anders in dem Moment and so on... Eine klare, freundliche Kommunikation öffnet Türen, die man sich vorher vielleicht noch nicht vorstellen konnte. Zwischen der Harschen und der Vorsichtigen gibt es noch die Authentische und Ausgeglichene, die Klare und Selbstbewusste (Richtung), etc.

Letzten Endes hilft auch ein 'Ich sehe dich' (und deine Grenzen) und 'Ich höre dir zu' (damit wir eine gemeinsame Lösung finden, um zu deinem und meinem Wohlbefinden zu gelangen). Wie war das bei Dirty Dancing mit „mein Tanzbereich“ und „dein Tanzbereich“? Und am Schönsten ist der Bereich der Schnittstelle, in der wir einander begegnen :)

Alles Liebe, Katrin Szymoniak

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